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Der Rosengarten: Das zweite Abenteuer

Wie die Briefe verlesen wurden


Zehn hundert Ritter hatte   der Berner lobesam,
Die gern zu allen Streiten   ihm waren untertan.
Sie saßen an der Tafel,   da solche Märe kam:
Sie wollten drüber springen   vor Freud, als mans vernahm.

„Um Gott, nun sitzet stille,“   sprach Herr Dieterich,
„Wollt ihr die Märe hören;   die ist so wonniglich.“
Da taten sie geflissen   wes sie der Degen bat.
Herr Dietrich von Berne   zu der Tafel Mitte trat.

Er sprach: „Nun merket alle,   uns ist ein Brief gesandt:
Solches Abenteuer   kam nie in dieses Land.
Den Brief soll uns verlesen   ein gelehrter Mann.“
Da sprang herbei geschwinde   des Berners Kapellan.

Als der gute Schreiber   den Botenbrief erbrach,
Hei, wie laut er lachte!   Nun höret wie er sprach:
„Es steht in diesem Briefe   des Wunders also viel:
Wer Ritter ist geworden,   oder Ritter werden will,

Der soll die Märe hören   und näher zu mir gehn.“
Sie sprachen all: „Sas mag denn   wohl in dem Briefe stehn?“
„Eine Königin vom Rheine   hat Boten hergesandt.
Es steht in diesem Briefe,   ihr Recken auserkannt:

Mit Rosen einen Anger   hege die schöne Maid,
Von einer Meilen Länge,   eine halbe wär er breit.
Um den geh statt der Mauer   ein Seidenfaden fein:
Sie trotze allen Fürsten,   es komm ihr keiner hinein.

Des Gartens hüten zwölfe   der allerkühnsten Degen,
Die man am ganzen Rheine   mag finden allerwegen.
Der erste ist Herr Gibich,   der ist euch wohl bekannt,
Dem dienen dort am Rheine   die Burgen und das Land.

Der andre das ist Gunther,   ein Degen kühn im Streit,
Der dritte heißet Gernot,   zu aller Not bereit.
Der vierte heißet Hagen,   der zagt in keiner Not,
Der fünfte heißt Volker,   der wundet auf den Tod.

Der sechste heißet Pusold,   ein Ries unmäßig groß,
Und Struthan heißt der siebente,   den Streitens nimmer verdross.
Der achte heißet Ortwein,   von dessen Kraft man sagt,
Der neunte das ist Asprian,   der ist gar unverzagt.

Der zehnte heißet Walther,   der Held vom Wasgenstein,
Der kühnsten Recken einer   wohl auf und ab am Rhein.
Der elfte das ist Stutfuchs,   der weiß zu streiten wohl:
Er gibt in harten Stürmen   den Recken schweren Zoll.

Der zwölfte heißet Siegfried,   ein Held von Niederland,
Der stets nach Ehren streitet   mit seiner freien Hand.
Er pflegt so großer Stärke,   dass er die Löwen fängt
Und sie mit den Schwänzen   über die Mauern hängt.

Die starken Recken sollen   des Gartens Hüter sein:
Sie trotzt allen Fürsten,   es komm ihr keiner drein.
Nun sollt ihr zwölfe senden,   die ihren Helden gleich.“ –
„Was sollen sie da machen,   in König Gibichs Reich?“ –

„Und siegen diese Zwölfe   jenen Zwölfen ob,
Rosen zu einem Kranze   gibt jedem zu dem Lob,
Ein Halsen auch und Küssen   die junge Königin:
Dazu vor allen Recken   noch lange preist man ihn.“

„Nun küsse sie ein andrer,“   sprach da Wolfhart,
„Mag ich des ledig würden,   so bleib ich von der Fahrt.
Solcher Abenteuer   mag ich wohl ohne sein:
Würd ich um sie verhauen,   das wär zu scharfe Pein.

Fand ihr der leide Teufel   so wunderlichen Fund?
Ich weiß mir noch zu Berne   wohl einen rosgen Mund.
Wir haben hier zu Lande   so manche schöne Maid
Und jede trägt die Krone   mit köstlichem Geschmeid.

Mit denen will ich tanzen   und scherzen früh und spät.“ –
„Nun leset weiter, Meister,   was in dem Briefe steht.“ –
„Kriemhild hat euch entboten   und lässt euch Märe sagen,
Ihr dürftet ehr zu Hause    einen Kranz von Nesseln tragen

Als dort bei den Burgonden   die lichten Rosen rot:
Ihr müsstet sie erfechten   und kämt darum in Not.
Die der Rosen hüten,   die können fechten wohl,
Und die der Rosen brechen,   die zahlen schweren Zoll.“

„Das hör ich gerne sagen,“   sprach Meister Hildebrand:
„Ich freue mich der Märe,   die man uns hat gesandt.
Es fügt sich nun von selber   was mein Herz erbeten hat;
Ich denke, Neffe Wolfhart,   nun wirst du Fechtens satt.“

„Nun lasst die Rede bleiben,   Oheim Hildebrand,
Ich will der Rosen willen   nicht fahren in das Land.
Wollt ich nach Worms hin reiten   um einen Rosenkranz,
Eh will ich hier zu Hause   den Schädel halten ganz.“

„Leset, lieber Meister,“   sprach Dieterich der Degen,
„Wes sollen die zwölf Recken   in den Rosen pflegen?“ –
„Wem da der Sieg gelinget,   der soll gepriesen sein,
Ihn küsst eine Jungfrau   und setzt ihm auf ein Kränzelein.“

„Nun küsse sie der Teufel!“,   sprach da Wolfhart,
„Zieh dahin wer wolle,   ich bin nicht bei der Fahrt.“
Da sprach der kühne Wittich:   „Dasselbe Recht sei mein:
Ich kann ihr Küssen missen,   man lasse mich daheim.“

„Du darfst es nicht verschwören,“   sprach Meister Hildebrand,
„Es hat die schöne Kriemhild   zumal nach dir gesandt.
Ich denke doch zu reiten   gen Worms an den Rhein:
Da bring ich meiner Frauen   ein Rosenkränzelein.“

Da sprach Alphart der junge:   „Gern möcht ich mit euch ziehn;
Wolfhart, lieber Bruder,   willst du nicht auch dahin?“
„Ich gebe, Bruder Alphart,   dir kurz darauf Bericht:
Ihren Kuss mag ich entbehren;   ihres Streits entbehr ich nicht.“

„Ei, nomine domini Amen,“   sprach Herr Dieterich,
„Was wollen mir die Frauen?   Die sind so wunderlich,
Dass ihrer selten eine   will nehmen einen Mann,
Erst soll ich ihn bestehen,   ich hab es längst denn getan.

Schlägt er mich zu Tode,   oder haut mich fährlich wund,
So küsst er sie gar lieblich   auf ihren roten Mund;
Dazu wird ihm zu Lohne   ein lichter Rosenkranz.“
„So bleibt daheim und haltet   hier eure Krone ganz;

Ich aber will zum Rheine,“   sprach Meister Hildebrand,
„Dass mir die schönen Frauen   da werden wohlbekannt.
Vielleicht gibt mir von Rosen   einen Kranz die Königin,
Ein Halsen und ein Küssen,   das ist ein Hochgewinn.“

Da schämte sich Herr Dietrich,   dass er die Rede tat:
Er sprach: „Getreuer Hildebrand,   nun gib mir guten Rat,
Wie wir nach vollen Ehren   kommen an den Rhein.“
Da sprach der gute Meister:   „Ja, Herre, das soll sein.

Erst aber möcht ich hören,   was da geschrieben ist,
Wann wir erwartet werden:   Ich wüsste gerne die Frist.
Könnt ihr uns das sagen,   Herr Schreiber und Kaplan,
So neun ich das Gefolge,   mit dem die Fahrt wird getan.“

Er sprach: „Ich will euch lesen   was hier geschrieben steht:
Wenn nach zweien Wochen   der zweite Mond vergeht,
Sollt ihr am Rosengarten   mit euern Helden sein,
Vor Sonnenuntergange,   zu Wormes an dem Rhein.“

Da sprach der Meister wieder:   „So ist geraum die Zeit,
So mögen wir besenden   die hier nicht sind bereit.
Wohlan denn, von den Zwölfen   will ich der erste sein;
Der andre sei von Berne   der liebe Herre mein.

Wolfhart sei der dritte;   auch soll mit in den Ring
Alphart der junge,   der stolze Jüngling.
Der fünfte der sei Siegstab,   der auch ein Wölfing ist,
Und Eckhart der sechste,   unser Gast zu dieser Frist.

Der siebente sei Heime,   das ist ein starker Mann,
Und Wittich der achte,   der Helme spalten kann.
Der neunte sei von Reußen   Hartung der König hehr,
Und Helmschrot der zehnte;   nun weiß ich keinen mehr

Als Dietleib von Steier,   der ist jetzt leider fern;
Wir wollen ihn beschicken,   er tut die Reise gern.“ –
„Nun hätten wir elf Ritter   beherzt und tugendlich;
Wo nehmen wir den zwölften?“,   so sprach Herr Dieterich.

„Darum sollt ihr nicht sorgen,“   sprach Meister Hildebrand,
Er ist noch heut und morgen   wo ich ihn weiland fand.
Wann denkt ihr zu erlösen   den Mönch Ilsan?
Den nehm ich aus dem Kloster,   wenn ich es fügen kann.“

Da sprach der Held von Berne:   „Das machst du nimmer wahr:
Nun war er in der Kutte   wohl über zwanzig Jahr.
Soll ich ihn dem entführen,   dem er sich hat ergeben?
Ich hätt es immer Sünde,   nähm ich ihn aus dem Leben.“

„Wisst ihr nicht, lieber Herre,   was der Mönch euch schwur,
Als ihr ihm erlaubtet,   dass er ins Kloster fuhr?
Er gelobt‘ euch eine Reise   und schwur euch einen Eid,
Wann ihr immer wolltet,   so wär er euch bereit.“

Da sprach der Held von Berne:   „Lasst uns ihn holen gehn.
Doch muss ich noch in Sorgen   um einen Helden stehn.
Der ist geheißen Walther    von dem Wasgenstein,
Der kühnsten Recken einer   wohl auf und ab am Rhein.“

Er sprach: „Dem ich den Kämpen   weiß Gott wohl finden kann:
Das sei Dietleib von Steier,   der ist ein starker Mann.
Hilf uns der junge Herzog,   lieber Herre mein,
So möchten wir mit Freuden   wohl reiten an den Rhein.“

Der Rosengarten: Das erste Abenteuer

Wie Kriemhild dem Berner Boten schickte


Was man von reichen Königen   so viel hoch singt und sagt
Wie sie nach Würde warben   vor Zeiten unverzagt!
Um Preis und Ehre streiten   schuf ihnen nicht Beschwer,
Sie wussten wohl zu führen   den Schild und auch den Speer.

Wie gern um schöne Frauen   sie litten Ungemach!
Sie konnten Schilde hauen   und lichter Helme Dach
Mit den scharfen Schwertern,   die sie führten in der Hand:
Das ließen sie entgelten   manchen stolzen Weigand.

Eine Stadt liegt an dem Rheine,   die ist so wonnesam
Und ist geheißen Wormes;   sie kennt noch mancher Mann.
Darinne saß ein Recke,   der hatte stolzen Mut,
Er war geheißen Gibich   und war ein König gut.

Von seiner Frauen hatt er   drei Söhne hoch geboren,
Das Vierte war ein Mägdlein;   durch die so ging verloren
Mancher kühne Degen,   wie uns die Märe sagt;
Kriemhild war sie geheißen,   die kaiserliche Magd.

Um sie begann zu werben   ein stolzer Weigand,
Der war geheißen Siegfried,   ein Held aus Niederland.
Der pflag so großer Stärke,   dass er die Löwen fing
Und sie mit den Schwänzen   über die Mauern hing.

Da ward ihr von dem Berner   Wunders viel gesagt:
Auf eine List gedachte   die kaiserliche Magd,
Wie sie zusammenbrächte   die Degen lobesam,
Damit sie säh, von welchem   das Beste würde getan.

Einen Rosengarten hatte   die wunderschöne Maid
Von einer Meilen Länge,   eine halbe war er breit:
Um den ging statt der Mauer   ein Seidenfaden fein.
Sie sprach: „Trotz allen Fürsten,   es kommt mir keiner hinein.

Die mir des Gartens hüten,   das sind zwölf kühne Degen,
Die pflegen mir der Rosen;   die Helden sind verwegen.
Der erste, das ist mein Vater,   ein König auserkannt;
Gernot und Gunther,  die sind mit Ruhm genannt.

Der vierte heißet Hagen,   der zagt in keiner Not,
Der Fünfte heißt Volker,   der wundet auf den Tod.
Der sechste heißet Pusolt,   der siebente Struthan,
Der achte heißet Ortwein,   der neunte Asprian.

Der zehnte heißet Walther   von dem Wasgenstein,
Der kühnen Fürsten einer   wohl auf und ab am Rhein.
Der elfte heißet Stutfuchs,   der kann auch fechten wohl,
Er gibt in harten Stürmen   den Recken schweren Zoll.

Der zwölfte heißet Siegfried,   ein Held von Niederland,
Der immer stritt nach Ehren   mit seiner freien Hand.
Die starken Recken sollen   der Rosen Hüter sein:
Trotz biet ich allen Helden,   es kommt mir keiner hinein.“

Da entbot sie Dietrichen,   dem jungen Vogt von Bern:
Wollt er den Garten schauen   und Rosen brechen gern,
So sollt er mit zwölf Helden,   die ihren wären gleich,
Gen Worms am Rheine fahren   in König Gibichs Reich.

Der schnellen Boten eilten   dem Berner in das Land:
Sie wurden wohl empfangen   von dem Helden Hildebrand.
Er sagt‘ es seinem Herren,   der hieß sie willkomm sein:
„Was lässt uns denn entbieten   der stolze König am Rhein?“

Da sprach der Boten einer   zu dem Fürsten auserkannt:
„Lasst diese Briefe lesen,   die sind euch her gesandt.
Sie sendet euch vom Rheine   eine hehre Königin,
Die Tochter König Gibichs:   Ihr sollt zum Rheine ziehn.“

Der hörnerne Siegfried: Das achte Abenteuer

Was sich mit Siegfried weiter begab


Nun hatte man bei Gibich   gut Botenbrot bekommen,
Dass seine schöne Tochter   so bald ihm sollte kommen,
Und wie sie wär erlöset   von dem Wurm und von dem Stein.
Gibich ließ bald entbieten   seine Mannen insgemein.

Sie ritten all entgegen   Siegfried dem Degen wert,
Kein Kaiser auf der Erden   ward jemals so geehrt.
Der König schickte Boten   in alle Reich und Land,
Den Königen und Fürsten   macht‘ er die Mär bekannt,

Damit sie alle kämen   gen Worms ihm an den Rhein
Auf seiner Tochter Hochzeit.   Fünfzehn Fürsten ritten ein:
Die wurden wohl empfangen,   wie man denn Fürsten soll.
Da hub sich große Freude;   das Land war der Herren voll.

Nun währte diese Hochzeit   wohl mehr denn vierzehn Tag,
Dass man turniert‘ und rannte   und Ritterspiele pflag.
Man hielt sechzehn Turniere,   bevor man ritt hindann,
Man schenkte Futter und Kleider   so dem Ross als dem Mann.

Siegfried gab solch Geleite   und saß so zu Gericht,
Hätt einer Gold getragen,   sich fürchten durft er nicht.
Mit großer Stärke hatt er   jedwedes Ding bestellt.
„Der Teufel weiß,“ sprach Gunther,   „dass man so wert ihn hält

Vor andern kühnen Helden,   denen das wohl Schande brächt,
Die doch so gut von Adel   als er ist von Geschlecht.
Er trägt auch alle Tage   hier Helm und Panzerring:
Damit hält er die Helden   in diesem Land gering.“

Da sprach der grimme Hagen:   „Er ist der Schwager mein;
Will er das Land regieren   hier oben an dem Rhein,
So mag er gründlich schauen,   dass er nichts übersieht,
Denn ich wär stets der erste,   der ihm das widerriet.“

Da sprach Gernot der Degen:   „Mein Schwager Siegfried,
Von meiner Hand wohl gäb ich   das allerbeste Glied,
Dass hier mein Vater Gibich   nur hätte meinen Mut,
So tät ihm sicher Siegfried   hier in die Läng kein Gut.“

Als die drei jungen Könige   Siegfrieden trugen Groll,
Da brachtens seine Schwäger   zuletzt zu Stande wohl,
Dass Siegfried ward erschlagen.   An einem Brunnen kalt
Erstach der grimme Hagen   ihn in dem Odenwald.

Zwischen seinen Schultern   und wo er fleischig war,
Da er mit Mund und Nase   sich kühlt‘ am Brunnen klar.
Sie waren um die Wette   gelaufen schnell genug:
Da ward des Hagen befohlen,   dass er Siegfrieden schlug.

Von Kriemhilds dreien Brüdern – die weiter hören wollten,
Die will ich unterweisen,   wo sie das finden sollen:
Sie lesen Siegfrieds Hochzeit,   so finden sie Bericht
Was die acht Jahr geschehen;   hier endet dies Gedicht.

Der hörnerne Siegfried: Das siebente Abenteuer

Wie Siegfried den Drachen erschlug und den Hort in den Rhein schüttete


Da ward der edle Siegfried   so kühn zu neuem Krieg,
Dass er sein Schwert erfasste   und zu dem Steine stieg.
Da fielen ab die Drachen,   die zu ihm kamen gefahren,
Und flogen ihrer Straßen,   daher sie gekommen waren.

Der Alte blieb alleine   und schuf Siegfrieden Not:
Ihm gingen aus dem Halse   große Flammen blau und rot;
Er stieß auch oft Siegfrieden,   dass er am Boden lag.
Er war in solchen Nöten   nie seines Lebens Tag.

Der wilde Drach so teuflisch   mit seinem Schwanze focht,
Dass er Siegfried den Helden   gar oft darein verflocht,
Und meint‘ ihn abzuwerfen   wohl von dem Stein so hoch;
Siegfried sprang aus der Schlinge,   eh er zusammenzog.

Siegfried der schlug mit Grimme   den Wurm wohl auf das Horn.
Er mocht nicht länger bleiben,   den Wurm zu schlagen vorn:
Er schlug ihn an der Seite   wohl auf ein hörnern Dach;
Jedennoch musst er leiden   vom Wurm groß Ungemach.

Er schlug das Horn so lange   mit seinem Schwerte gut;
Auch war des Drachen Hitze,   als wär geschürt die Glut
Mit einem Fuder Kohlen,   das plötzlich stünd in Brand:
Das Horn erweichte völlig   und kam herab gerannt.

Er hieb ihn voneinander   wohl in der Mitt entzwei:
Da fiel er von dem Steine   in Stücke mancherlei;
Dann stieß er mit den Füßen   das andre hinterdrei.
Wie schnell zu Siegfried eilte   das edle Mägdelein!

Er fiel vor großer Hitze   und wusst nicht wo er war:
Vor Müdigkeit und Ohnmacht   war er des Sinns so bar,
Dass er nicht sah noch hörte,   kannt niemand auch zur Stund;
Sein Farb war ihm entwichen,   kohlschwarz war ihm der Mund.

Da er nach langem Liegen   sich wieder Kraft errang
Und aufrecht sitzen konnte,   sein Herzlieb sucht‘ er lang:
Da sah er sie dort liegen   so jämmerlich für tot.
Er sprach: „O Gott vom Himmel,   weh meiner großen Not!“

Er legt‘ sich ihr zur Seiten   und sprach: „Dass Gott erbarm!
Soll ich dich tot heimführen!“   Er hob sie in den Arm.
Da kam das Zwerglein Eugel   und sprach zur selben Stund:
„Ich geb ein Kraut der Jungfrau,   so wird sie bald gesund.“

Und da die edle Jungfrau   die Wurz zum Munde nahm,
Gleich saß sie wieder aufrecht,   indem sie zu sich kam.
Sie sprach: „Tu, werter Siegfried,   mit deine Hilfe kund.“
Da umhalste sie ihn lieblich   und küsst‘ ihn auf den Mund.

Da sprach zum kühnen Siegfried   Eugel der edle Zwerg:
„Kupran der falsche Riese   bezwang hier unsern Berg,
Darin wohl tausend Zwerge   ihm wurden untertan:
Wir zinsten unser Eigen   dem ungetreuen Mann.

Nun habt ihr uns erlöset,   wir wurden alle frei:
Gern wollen wir euch dienen,   so viel auch unser sei.
Ich will euch heim geleiten,   euch und das Mägdelein:
Ich weiß euch Weg und Stege   bis gegen Worms am Rhein.“

Da führt‘ er sie zu Hause    wohl in den Berg hinein;
Er gab den beiden gerne   seine Koste und auch den Wein
So gut mans möchte haben   und je verlangen soll;
Wes nur das Herz begehrte,   des war der Berg ihm voll.

Da nahm Herr Siegfried Urlaub   vom Eugel dem König hehr
Und seinen zweien Brüdern,    Königen wie er.
Da sprachen sie: „Herr Siegfried,   ein Degen kühn im Streit,
Unser Vater Niblung   ist uns gestorben vor Leid.

Hätt euch der Riese Kuperan   gebracht in Todesnot,
So wären all die Zwerge   jetzt hier im Berge tot,
Weil wir euch von dem Schlüssel   bei Kuperan gesagt,
Der zu dem Stein gehöret,   auf dem hier lag die Magd.

„Dem ist zuvorgekommen   nun eure werte Hand:
Das müssen wir euch danken,   edler König auserkannt.
Drum wolln wir euch begleiten   und die Jungfrau wohlgetan:
Dass euch kein Leid geschehe,   gehn mit euch tausend Mann.“

„Nein,“ sprach der kühne Siegfried,   „ich reite gern allein.“
Die Jungfrau setzt er hinter sich   und trieb die Zwerge heim;
Allein den König Eugel   nahm zum Geleit er an.
Da sprach zu ihm Held Siegfried:   „Nun sag mir, kleiner Mann,

Deiner Kunst lass mich genießen,   Astronomie genannt:
Dort auf dem Drachensteine   hast du heut früh erkannt
Die Stern und ihre Zeichen,   wie mirs ergehen soll,
Mir und dem schönen Weibe:   Wie lang hab ich sie wohl?“

Da sprach das Zwerglein Eugel:   „Das will ich dir gestehn:
Du hast sie nur acht Jahre,   das hab ich wohl gesehn.
So wird dir dann dein Leben   gar mörderlich genommen,
So ganz ohn dein Verschulden   wirst du ums Leben kommen.

Will deinen Tod dann rächen   dein wunderschönes Weib,
Darum wird mancher Degen   verlieren sein Leib,
So dass auf Erden nirgend   ein Held am Leben bleibt:
Wo lebt ein Held auf Erden,   der also ist beweibt?“

Siegfried der sprach behende:   „Werd ich so bald erschlagen
Und dann so wohl gerochen,   so will ich gar nicht fragen
Von wem ich werd erschlagen.“   Sprach Eugel noch: „O Held,
Auch dein Gemahl das schöne   zuletzt im Sturme fällt.“

„Nun magst du heim dich wenden,“   sprach Siegfried zu dem Zwerg.
Sie schieden sich nicht gerne.    Da kehrte zu dem Berg
Eugel der hehre König.   Siegfrieden fiels nun ein,
Wie er den Schatz dort liegen   gelassen hätt im Stein.

Nun hatt er zwei Gedanken:   den einen auf Kuperan,
Den andern auf den Drachen:   Wem gehört der Schatz wohl an?
Er dacht, ihn hätt gesammelt   der Wurm nach Menschenwitz:
Wenn er zum Menschen würde,   hilf ihm des Horts Besitz.

Er sprach: „Da ich mit Nöten   den Drachenstein gewann,
Was ich darin gefunden,   gehört mit Recht mir an.“
Er lief den Schatz zu holen,   er und sein schönes Lieb,
Lud ihn dem Ross zu Rücken,   das er dann vor sich trieb.

Da er nun kam zum Rheine   dacht er in seinem Mut:
„Leb ich so kurze Jahre,   was soll mir dann das Gut?
Und sollen alle Recken   um mich verloren sein,
Wem soll das Gut dann frommen?“   Da schüttet ers in den Rhein.

Er wusst nicht, es gehöre   den Königen im Berg,
Denen es anerstorben   von Niblung war dem Zwerg.
Sein Sohn der König Eugel   hatt auch darauf nicht Acht:
Die Schätze, meint‘ er, lägen   noch tief im Bergesschacht.

Der hörnerne Siegfried: Das sechste Abenteuer

Wie der Wurm gefahren kam und Niblungs Söhne den Hort aus dem Berge trugen


Da nun der Degen Siegfried   den obern Stein gewann,
Da trat er wohl gezogen   wohl vor die Magd heran:
„Du schönste aller Frauen,   dein Weinen lass nun sein:
Ich bin jetzund genesen   durch dich, schön Mägdelein.

Nun helf ich dir auch balde   aus dieser großen Not,
Oder deinetwillen   erleid ich hier den Tod.“
„Nun lohne Gott dir, Siegfried,   ein Ritter unverzagt;
Ich fürcht auf meine Treue,   dass uns groß Leid noch plagt.“

Da sprach der Degen Siegfried:   „Naht uns denn neuer Streit,
Das ist mir in der Wahrheit   von ganzem Herzen leid.
Nun bin ich doch gewesen   bis an den vierten Tag
Ohn Trinken und ohn Essen,   dass ich der Ruh nicht pflag.“

Darum erschrak da Eugel,   der gute Zwerg so klein,
Und auch die hehre Jungfrau,   um Siegfrieds große Pein.
Da sprach der Zwerg zu Siegfried:   „Ich bring euch gute Speis
Her nach dem hohlen Steine,   die beste, die ich weiß.

Ich geb euch Essen und Trinken   auf vierzehn Tag genug.“
Her aus dem hohlen Berge   er ihm das Essen trug.
Ihm dienten dazu Tische   viel kleine Zwerglein gut;
Dazu nahm auch die Jungfrau   Siegfrieden wohl in Hut.

Eh sie gegessen hatten,   vernahm man lauten Schall
Als fiele das Gebirge   rings über sie zutal.
Darob erschrak da heftig   das schöne Mägdelein.
Sie sprach: „Ach lieber Herre,   nun wirds eur Ende sein.

Und wenn uns beiden dienstbar   auch wär die ganze Welt,
Wir wären doch verloren,   das wisse, kühner Held.“
Da sprach der edle Siegfried:   „Wer nähm uns wohl das Leben,
Das uns Gottes Güte   auf Erden hat gegeben?“

Da wischt‘ er ihr vom Antlitz   die Tränen und den Schweiß,
Der minniglichen Jungfrau;   der war vor Ängsten heiß.
Er sprach: „Du sollst nicht trauern,   dieweil ich bei dir bin.“
Die Zwerge, die bei Tische   gedient, die flohen hin.

Als so die zwei Herzlieben   in ihrem Gespräche waren,
Da kam von dreien Meilen   der Drach einher gefahren.
Das sah man an dem Feuer,   das von ihm fuhr so schnell:
Wohl dreier Spieß lang brannte   vor ihm das Feuer hell.

Das macht‘ er war verfluchet   in teuflische Art;
Auch musst er allzeit dulden   des Teufels Gegenwart
In Gestalt eines feurigen Drachen;   doch schuf es ihm nicht Pein
An Seel‘, Vernunft und Sinnen:   Die mussten willig sein.

Die konnt er alle brauchen   wie sonst nach Menschenart,
Einen Tag und auch fünf Jahre,   bis er zum Menschen ward,
Ein schöner Jüngling wieder,   wie man vergebens sucht.
Von Buhlschaft wars gekommen,   ihn hatt ein Weib verflucht.

Der Drache hielt sie menschlich   um ihren schönen Leib,
Wenn die fünf Jahr vergingen,   dass er sie nähm zum Weib.
Derweil wollt er sie halten,   dass er ein Drache wär,
Dass er sie dann möcht freien;   es geschäh sonst nimmermehr.

Da ihm Herr Siegfried jetzo   die Jungfrau nehmen wollt,
Die er so lang gespeiset   und sie zu Worms geholt,
Da kam er also grimmig   hin an den Stein gefahren:
Mit Hitz wollt er verbrennen   die auf dem Steine waren.

Nun trug die Jungfrau Sorge;   den Rat sie Siegfried gab:
Sie sollten sich verbergen   (dass er sie nicht hinab
Im Fluge beide stieße)   in eine Höhle dort,
Die unterm Drachensteine   ging im Gebirge fort,

Sich vor dem Wurm zu fristen   und auch vor seiner Hitz.
Da kam der Ungeheure   nach teuflischem Witz
Mit Feur zum Stein gefahren:   Der Stein erbebte gar,
Dass er, so lang die Welt stand,   nicht so zerrüttet war.

Nun hatte mitgenommen   Siegfried des Drachen Schwert,
Das ihm Kuperan gewiesen   und seinen Tod begehrt:
Hoch auf dem Drachensteine   der Held sich bücken sollt
Zum Schwert, weil er vom Steine   ihn niederstoßen wollt.

Nun sprang her aus der Höhlen   Siegfried mit diesem Schwert:
Mit großen, grimmen Schlägen   der Held des Wurms begehrt.
Der Wurm mit scharfen Krallen   den Schild ihm niederreißt,
Dass ihm vor großen Ängsten   das Wasser heiß entfleußt.

Der Stein ward über allen   so heiß wie eine Glut,
Wie man ein glühig Eisen   wohl aus der Esse tut.
Der Wurm der ungeheure    die Hitze schuf so groß,
Und immer auf Siegfrieden   das höllische Feuer schoss.

So hatten sie auf dem Steine   und auf dem hohlen Berg
Ein ungestümes Wesen,    dass mancher wilde Zwerg
Herauslief nach dem Walde:   Die Angst schuf ihnen Not,
Der Berg fiel‘ zusammen,   so stürben sie den Tod.

Nun waren Niblungs Söhne   zwei in dem Berge dort,
Das waren Eugels Brüder;   die hüteten den Hort
Ihres Vaters Niblung:   als den Berg sie schwanken sahen,
Die beiden Könge ließen   hinaus die Schätze tragen

Nach einer großen Höhle   dort in der Felsenwand
Unter dem Drachensteine,   wo ihn dann Siegfried fand,
Wie ihr hernach sollt hören.   Nur Eugel wusst, der Zwerg,
Nicht ab von ihrem Fliehen,   wie sie geleert den Berg,

Und wie sie in der Höhle   des Vaters Schatz verborgen.
Er hatte sich getragen   des Wurmes halb mit Sorgen.
Denn alle mussten fürchten,   dass er Siegfried brächt in Nöten,
So würde dann die Zwerge   der Wurm zumal ertöten,

Weil er mit ihrer Hilfe   das Frauenbild verlor.
Denn es kannte wohl der Drache   Steig und Felsentor:
Wenn er sich kühlen wollte,   so lag er in dem Gang,
Dieweil sie war entschlafen.   Er bleib von ihr nicht lang,

Als wenn er Speise holte.   War es dann Winterszeit,
So saß sie unterm Steine   wohl fünfzig Klafter weit,
Und er lag vor dem Loche   und hielt ihr auf die Kält.
Wir müssens neu beginnen,   wenn euch das Lied gefällt.

Der Stein ward ganz erleuchtet:   Da musst am End Siegfried
Die große Hitze fliehen,   die er vom Drachen litt:
Der trieb ihm stets entgegen   die Flammen blau und rot.
Der Held musst sich verbergen,   des zwang ihn große Not.

Die Jungfrau mit Siegfrieden   floh in den Berg hinab,
Bis sich des Drachen Hitze   derweil gemindert hab.
Er trat in eine Kammer   und fand den großen Schatz.
Er meint‘, der Drache hätt ihn   gesammelt auf dem Platz.

Den Schatz hielt er geringe;   da sprach das Mägdelein:
„Herr Siegfried, edler Degen,   uns naht erst große Pein.
Er ist bei sechzig Jungen,   die haben alle Gift;
Sind sie noch auf dem Steine,   eure Kraft es übertrifft.“

„Nun hab ich stets vernommen,“   so sprach der Held erkoren,
„Wer sich auf Gott verlasse,   der sei noch nicht verloren.
Und sollen wir beide sterben,   so sei es Gott geklagt,
Dass ich dich schützen wollte,   du auserwählte Magd.“

Der hörnerne Siegfried: Das fünfte Abenteuer

Wie ihn der Riese zweimal verriet


Da sprach der starke Riese   zum werten Ritter mehr:
„Weiß Gott, Gesell, mich schmerzen   die Wunden allzu sehr.“
Da riss er ab vom Leibe   sein seidenes Gewand,
Womit er selbst die Wunden   dem Ungetreun verband.

Da sprach der Ungetreue:   „Nun wiss, Geselle mein,
Dahinten ist die Steinwand.“   „Wo mag die Türe sein?“
„Das wollen wir besehen,   du tugendreicher Mann;
Was einer tat dem andern,   das sei nun abgetan.“

Sie gingen miteinander   vor eines Wassers Damm:
Wie bald der Ungetreue   sein Schwert zu Handen nahm!
Und als der kühne Siegfried   ging vor ihm in den Wald,
Da sprang der Ungetreue   auf Siegfried los alsbald.

Er gab dem kühnen Siegfried   einen ungefügen Schlag,
Dass unter seinem Schilde   der edle Ritter lag
So ganz in der Gebärde,   als ob er wäre tot;
Vom Mund und aus der Nase   schoss ihm das Blut so rot.

Da unter seinem Schilde   nun lag der Held Siegfried,
Da kam das Zwerglein Eugel,   das gern sein Wohl beriet,
Es nahm eine Nebelkappe   und warf sie über ihn her:
Wie Feind ihm war der Riese,   er sah ihn jetzt nicht mehr.

Er lief hin zu den Bäumen   und sucht‘ den werten Mann.
„Hat dich entführt der Teufel   oder hat es Gott getan?
Tat er an dir ein Zeichen?   Hier lagst du doch zuvor
Bei deinem Schild: Wie kommt es,   dass sich dich jetzt verlor?“

Der Rede musste lachen   das Zwerglein wonnesam;
Es reichtet‘ auf Siegfrieden   und setzt‘ ihn auf den Plan.
Da saß eine gute Weile   der auserwählte Mann
Bis dass der kühne Degen   des Lebens sich besann.

Da nun der edle Siegfried   ein wenig zu sich kam,
Da sah er bei sich sitzen   das Zwerglein wonnesam.
„Nun lohn dir Gott,“ sprach Siegfried,   „du wunderkleiner Mann,
Ich kann nicht anders sagen,   du hast mir wohl getan.“

Da sprach das Zwerglein Eugel:   „Das musst du mir gestehn,
Kam ich dir nicht zu Hilfe,   dir wär noch mehr geschehn.
Nun folge meiner Lehre,   entschlag der Maid dich gar,
Flieh in der Kapp, so wird dich   der Riese nicht gewahr.“

Da sprach der kühne Siegfried:   „Das kann fürwahr nicht sein,
Und hätt ich tausend Leben,   wiss auf die Treue mein,
Die wollt ich alle wagen   um die Jungfrau wohlgetan.
Ich wills aufs neu versuchen,   ob ich sie retten kann.“

Wie ritterlich der Degen   die Kappe von sich warf!
Das Schwert in beiden Händen   hieb er acht Wunden scharf
Dem ungefügen Manne;   laut rief er auf zu ihr.
Zu Tode wär geschlagen   der starke Riese schier.

„Du fichtst mit solchen Kräften   als wären deiner acht:
Ich seh dich doch alleine   da stehn mit kleiner Macht.
Und schlägt du mich zu Tode,   du auserwählter Mann,
So ist auf Erden niemand,   der zu der Jungfrau kann.“

Mit mancherlei Gedanken   der edle Siegfried rang
Vor übergroßer Liebe,   die ihn zur Jungfrau zwang:
Am Leben musst er lassen   den ungetreuen Mann.
Er sprach: „Geh deiner Straßen   und schreite mir voran.

Und weise mich auch balde   zum schönen Mägdelein,
Sonst schlag ich dir das Haupt ab   und fiel die Welt drum ein.“
Da musst der Ungetreue   wohl leisten in der Not
Was ihm der kühne Siegfried,   der junge Held, gebot.

Sie gingen miteinander   wohl vor den Drachenstein:
Da stieß der Ungetreue   den Schlüssel bald hinein
Der Stein ward aufgeschlossen   und unten aufgetan;
Acht Klafter unter der Erde   die Türe wies der Mann.

Als der Stein ward entschlossen   und unten aufgesperrt,
Wie bald griff nach dem Schlüssel   Siegfried der Degen wert!
Er hatt ihn von dem Schlosse   gerissen bald hindann.
Er sprach: „Heb dich der Straße,   geschwinde geh voran.“

Sie wurden beide müde,   eh sie kamen auf den Stein.
Da nun Siegfried der kühne   ersah die Jungfrau rein,
Da hub sie an zu weinen;   mit Schluchzen rief sie aus:
„Ich sah dich, edler Ritter,   in meines Vaters Haus.“

Sie sprach: „Du bist Herr Siegfried,   sollst mir willkommen sein.
Wie lebt mein Vater und Mutter   zu Worms wohl an dem Rhein?
Und meine lieben Brüder,   die Könge tugendlich?
Sag an bei deiner Treue,   der lass genießen mich.“

Da sprach der edle Siegfried:   „Schweig, lass deinen Weinen sein,
Du sollst mit mir von hinnen,   du schöne Jungfrau rein.
Ich will dich bald erlösen   aus dieser großen Not,
Oder ich sterbe wahrlich   hier selber drum den Tod!“

„Nun lohne Gott dir, Siegfried,   du Ritter auserkannt;
Doch fürcht ich tust du nimmer   dem Drachen Widerstand.
Er ist der grimmste Teufel,   der jemals ward gesehn,
Und wirst du sein ansichtig,   so musst dus selbst gestehn.“

Da sprach der kühne Siegfried:   „Er mag so arg nicht sein;
Ich hab nicht gern verloren   die große Arbeit mein.
Ich hab so sehr gestritten   mit dem ungefügen Mann:
Wär er der Teufel selber,   so griff ich doch ihn an.“

„Nun lohne Gott dir, Siegfried,   du hast die große Pein
Um meinthalb erlitten,   die Not für mich allein.
Und hilft mir Gott zu Lande,   so wiss ohne allen Wahn,
Hab meine Treu zu Pfande,   kein andrer wird mein Mann.“

Da trat auch zu dem Steine   der Reise Kuperan.
Er sprach: „Hie ist verborgen   ein Schwert gar wohlgetan,
Damit den Drachen zwinget   ein edler Rittersmann;
Keine Kling ist sonst auf Erden,   die den Drachen zwingen kann.“

Was von dem Schwert er sagte,   die Wahrheit sprach er dran.
Als er sich da nicht hütete   vor dem ungetreuen Mann,
Da schlug der starke Riese   dem Ritter eine Wund,
Dass er kaum mit einem Beine  auf dem Drachensteine stund.

Der Held ergriff den Riesen,   sich hub ein Ringen groß,
Davon der Stein erzitterte;   der Jungfrau Schreck war groß.
Sie weint‘ und wand die Hände,   die zarte Jungfrau rein,
Sie sprach: „Ach Gott vom Himmel,   steh heut dem rechten bei!

Sollst du um meinetwillen   verlieren deinen Leib,
So trägt mein Herz viel Jammer    und Pein, ich armes Weib.
So will ich mich verfallen   aus dieser großen Not,
Von diesem hohen Steine,   dass mich erlöst der Tod.

Darum du kühner Siegfried,   bewahre deinen Leib
Und denk an deine Nöte   und an mich armes Weib.“
Da sprach der Degen Siegfried:   „Du schönes Mägdlein hehr,
Ich will mich schon behüten,   sorg nur um mich nicht mehr.“

Sie rangen miteinander,   das sah das schöne Weib:
Da musst der Ungetreue   verlieren seinen Leib.
Siegfried griff in die Wunden   dem ungefügen Mann
Und riss sie auseinander,   dass ihm die Kraft entrann.

Der Ries begann zu sinken   vor Siegfried auf den Plan:
„Du sollst mich leben lassen,   du tugendhafter Mann:
Darum will ich dich bitten,   du Ritter unverzagt;
Ich ward dir zweimal treulos,   dem Himmel seis geklagt.“

Da sprach der kühne Siegfried:   „Deine Red ist gar verloren,
Da ich nun seh mit Augen   die Jungfrau hoch geboren.“
Er nahm ihn bei dem Arme   und warf ihn von dem Stein:
Er sprang zu tausend Stücken;   das freute das Mägdelein.