Karl Simrock

Karl Joseph Simrock, geboren 1802 in Bonn, war wohl einer der bedeutendsten deutschsprachichen Dichter und Philologen. Obwohl er nicht aufgrund seiner eigenen Werke zu dauerhaftem Nachruhm gelangte, gebührt ihm der Verdienst die deutschsprachige Literatur mit zahlreichen Übersetzungen alt-hochdeutscher Heldengeschichten und Sagen bereichert zu haben. Auch seine Tätigkeit als Editor für andere Autoren, so zum Beispiel die Gebrüder Grimm, trug zu diesem Fundus bei.


„Der Meister einer Kunst nährt Weib und sieben Kinder;
ein Meister aller sieben Künste nährt sich selber nicht.“

Leben

Karl Simrock wurde in Bonn als 13. und letztes Kind des Musikers und Musikverlegers Nikolaus Simrock und seiner Frau Francisca Ottilia Blaschek geboren. In seinem Elternhaus wurde auf Anordnung seines frankophilen Vaters, der sich selbst ausschließlich mit französischem Vornamen Nicolas bezeichnen ließ, Französisch gesprochen. Karl fühlte sich jedoch als Deutscher und las schon während seiner Schulzeit begeistert deutsche Epen und Märchen. Er besuchte in Bonn das französischsprachige Lycée und begeisterte sich für die damals wiederbelebte mittelhochdeutsche Epen- und Märchenliteratur. 1818 immatrikulierte er sich als Sechzehnjähriger für ein Jurastudium an der neu gegründeten Preußisch-Rheinischen Universität in Bonn. Dort hörte er auch Geschichte bei Ernst Moritz Arndt und deutsche Sprache und Literatur bei August Wilhelm Schlegel. Hier freundete er sich unter anderem mit August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874) an. 1818 wurde er Mitglied der Alten Bonner Burschenschaft/Allgemeinheit. 1822 setzte er sein Studium der Rechte in Berlin fort, wo er sich ebenfalls der altdeutschen Literatur widmete und altgermanistische Vorlesungen bei Friedrich von der Hagen (1780–1856) und Carl Lachmann (1793–1851) besuchte. Er schloss es 1826 erfolgreich ab, wählte die Richterlaufbahn in Berlin und arbeitete (seit 1824) am Königlichen Kammergericht.

Schon 1823 war er Mitglied der Berliner Mittwochsgesellschaft geworden und schloss unter anderem Freundschaft mit Adelbert von Chamisso und Friedrich de la Motte-Fouqué (1777–1843). Damals entwickelte sich auch seine Brieffreundschaft mit Jacob Grimm (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859). 1827 brachte er die zukünftig erfolgreichste neuhochdeutsche Übersetzung des Nibelungenliedes heraus und begann, als Lyriker und Balladendichter zu publizieren. 1830 wurde er wegen eines Gedichtes zum Lobe der französischen Julirevolution aus dem Staatsdienst entlassen. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1832 hatten er und seine sieben Geschwister vergeblich versucht, das große väterliche Erbe an Immobilien zu versteigern. Im Protokoll einer Besprechung der Erben mit dem Königlich Preußischen Notar Carl Eilender hieß es „Die Comparenten erklären dem Notar, dass er das Erbe durch Verlosung aufteilen sollte.“ Karl zog Los 5: das Haus Nr. 392 in der Maargasse, dazu an die dreißig Ländereien, teilweise beachtlich groß, in den Gemeinden Poppelsdorf, Kessenich, Endenich, Lengsdorf, Dottendorf und Bonn. 1834 wurde er zum Doktor der Philosophie promoviert. Er wirkte als Übersetzer (unter anderem von Hartmann von Aue, Kudrun und Shakespeare), Herausgeber und als erfolgreicher Schriftsteller ab 1832 wieder in Bonn.

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Dort heiratete er 1834 Gertrude Ostler. Der Ehe entstammten vier Kinder: Agnes (1835–1904), Dorothea (1836–1911), Caspar (1842–1897) und Anna Maria (1846–1905). Die älteste Tochter Agnes blieb ledig und lebte zu Menzenberg. Die Tochter Dorothea wurde später entmündigt und in einer Heilanstalt untergebracht. Der Sohn wurde Arzt in Frankfurt, heiratete Susanne Pauline Andreae und übernahm die Praxis seines Schwiegervaters Hermann Victor Andreae. Seine Tochter Anna Maria heiratete 1869 August Reifferscheid und wurde die Mutter von Heinrich und Karl Reifferscheid. Im selben Jahr erwarb er von seiner in Paris lebenden Schwester Elise das Neunkirchensche Weingut auf dem Menzenberg (Los 7) zum Preis von 2367 Talern. Das war exakt der gleiche Preis, der schon im vorangegangenen Auktionsversuch abgelehnt worden war. Karl wollte dieses Weingut unbedingt kaufen, da er schon 1832 die Erlaubnis erhalten hatte, dort zu wohnen. Nach dem Kauf veräußerte er sechs Siebtel der Weinberge und investierte den Erlös in den Bau von „Haus Parzival“.

Haus „Parzival“ in Selhof-Menzenberg (Bad Honnef, Rhein-Sieg-Kreis)

Das Erbe seines verstorbenen Vaters, darunter auch Weingüter in Menzenberg bei Honnef (heute Stadt Bad Honnef), erlaubte es ihm, das Leben eines vermögenden Privatgelehrten zu führen. Seine ebenfalls wohlhabende Frau Gertrud Antoinette Ostler hatte u. a. ein Haus in der Acherstraße 13 in Bonn in die Ehe eingebracht, wo die Familie ab 1834 wohnte. 1840 wurde der Bau des berühmten „Haus Parzival“ in Menzenberg fertiggestellt, wo Simrock fortan die Sommermonate verbrachte und Gäste aus nah und fern empfing. Seinen Enkel, den Maler Heinrich Reifferscheid, haben der Menzenberg, das Haus Parzival und die in der Umgebung lebenden Menschen zu seinen ersten Werken inspiriert.

In der Zeit seiner Familiengründung begann er sein großes, Jahrzehnte dauerndes Vorhaben, ein die deutsche Sagenwelt um Dietrich von Bern, Wieland den Schmied u. v. a. umgreifendes, in der Nibelungenstrophe abgefasstes Versepos aus zahlreichen Einzelgesängen, das „Das Amelungenlied“, das ihn im 19. Jahrhundert zum viel gelesenen Autor machen sollte. Er edierte die altdeutschen Volksbücher, Märchen- und Sprichwörtersammlungen und zahlreiche andere Werke einer volksgeschichtlichen „Urzeit“. Ab 1841 bekundete er Interesse an einer in Bonn neu einzurichtenden Professur für deutsche Literatur, wobei ihn der Kurator Philipp Joseph von Rehfues (1775–1843) unterstützte. Trotz seiner Freundschaft z. B. mit Ferdinand Freiligrath nahm er an der 1848er Revolution keinen tätigen Anteil. Er wurde 1850 außerordentlicher und 1853 ordentlicher und in seinem Felde berühmter Professor für die Geschichte der deutschen Sprache und Literatur der Bonner Universität. Von 1853 bis 1855 erschien sein lange Zeit maßgebliches „Handbuch der deutschen Mythologie mit Einschluss der nordischen“. Von 1856 bis 1857 war er Dekan der Philosophischen Fakultät. Er starb am 18. Juli 1876 und wurde auf dem Alten Friedhof in Bonn zur letzten Ruhe gebettet.

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Karl Simrock begründete seinen Ruf mit der Übersetzung des Nibelungenliedes im Jahre 1827 sowie der Übertragung und Herausgabe der Gedichte von Walther von der Vogelweide (1833). Das populärste Werk Simrocks waren Die deutschen Volksbücher, die zwischen 1839 und 1867 immerhin 55 Auflagen erreichten. Bei seinen „Deutschen Volksliedern“ stützte er sich auf die eigene Erforschung von lokalem Liedgut, etwa die Liedgutbewahrerin Heinemöhn, welche er die „Menzenberger Nachtigall“ nannte. Neben der deutschen und altnordischen Literatur wandte er sich auch Shakespeare zu, dessen Quellen in Novellen, Märchen und Sagen er erforschte. Auch übersetzte er einige seiner Gedichte und Bühnenstücke ins Deutsche.

Eine 12-bändige Edition seiner Ausgewählten Werke erschien ab 1907 in Leipzig, herausgegeben von Gotthold Klee.

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