Dolina Zarei – Sibiriens Tal der Könige

Originalartikel unter: http://www.spektrum.de/magazin/in-sibiriens-tal-der-koenige/828992


Einleitung:

Das Dolina Zarei, ein Tal im tuvinischen Teil Sibiriens, stellt mit seinen tausenden von Grabhügeln, Kurgane genannt, die wohl reichhaltigste, zentralisierte Grablege nördlich des Nils dar; ein wahres „Tal der Könige Russlands“ mit so wunderbaren Funden wie dem berühmten Goldschatz von Tuva. Diese Funde zeigen, ebenso wie die Bauform der Grablegungen, das dass antike Reitervolk der Skythen keine kulturlosen Barbaren hervorbrachte, wie uns Herodot berichtet, sonder ein Volk mit reichhaltiger Kultur, großer handwerklicher Fähigkeit und einem lebhaften Geistesleben.

Mein ganz besonderer Dank geht an dieser Stelle auch an meinen ehemaligen Professor für Ur- und Frühgeschichte, Professor Herrmann Parzinger, den Autor dieses Artikels. Es war seine unermüdliche Suche nach dem Volk der Skythen, ihrer Kultur und Lebensweise, welche in mir den Wunsch erweckte, selbst die Herkunft unserer Art zu studieren.

– Giorgiu Rameczs


Artikel:

Nomaden, die Pferdeherden durch die Steppen Europas und Asiens trieben, die Milch der Stuten tranken und als kriegerisches Reitervolk Schrecken verbreiteten – wer denkt da nicht an Hunnen oder Mongolen. Doch schon bald nach 1000 v. Chr. hatten die weiten Steppengebiete Innerasiens solche Völker hervorgebracht, Kimmerier, Arimaspen und die schon in der Antike legendären Skythen.

Den Namen dieses Volkes hat uns der griechische Historiker Herodot (etwa 485-424 v. Chr.) überliefert. Demnach beherrschten die Skythen im 5. Jahrhundert v. Chr. die Steppen nördlich des Schwarzen Meeres in der Ukraine sowie in Südrussland und sollen ursprünglich aus dem heutigen Sibirien stammen. Dort nennen sie die Forscher mitunter nach dem ersten Fundort entsprechender Artefakte auch Tagar – ein Indiz dafür, dass bis heute niemand recht weiß, welche Ethnien zu diesem Kulturkreis gehörten. Wenn Archäologen von Skythen sprechen, meinen sie denn auch etwas vage Nomaden der frühen Eisenzeit (9./8. bis 3. Jahrhundert v. Chr.), die eine Kultur der Reiterkrieger ausgebildet hatten, um große Viehherden und Weidegebiete zu verteidigen. Zu diesem Zweck hatten sie auch den so genannten Reflexbogen erfunden, der zielgenaues Schießen vom galoppierenden Pferd aus gestattete. Dreiflügelige Spitzen aus Bronze und Eisen verliehen ihren Pfeilen besondere Durchschlagskraft. Metallenes Schirrungszubehör und speziell gefertigte Sättel halfen, die Pferde im Reiterkampf besser zu beherrschen (der Steigbügel wurde erst später erfunden).

Nicht nur Waffen und Reittechniken zeichneten die Skythen und andere – noch namenlose – Reiternomaden jener Zeit aus, sie pflegten auch eine auffallende künstlerische Ausdrucksform, den so genannten skythischen Tierstil: In teils sehr naturalistischen, teil aber auch abstrahierten Darstellungen wilder Tiere sollten sich vermutlich übernatürliche Kräfte manifestieren und ihren Träger schützen. Häufige Motive waren Hirsche, Pferde, Eber, Panther und andere Raubtiere, zudem Mischwesen wie Greife oder geflügelte Pferde. Ein typisches Element sind so genannte Rolltiere, meist Panther oder andere Raubtiere, die so nach innen eingerollt sind, dass das Maul annähernd den Schwanz erreicht. Es entstanden Symbole, die über Generationen überliefert wurden und auch vom gesellschaftlichen Rang ihrer Träger zeugten, insbesondere wenn es sich um in Goldblech gearbeitete Tierfiguren handelte. Dementsprechend zierten diese Motive lediglich die für Nomaden wichtigen beweglichen Objekte wie Waffen, Kleidung, Trachtzubehör und Pferdegeschirr. Darüber hinaus waren mitunter auch Leib und Glieder tätowiert.

Herodots Berichte über die Skythen dürften die Griechen sehr interessiert haben, berührten ihre Kolonien entlang der nördlichen Schwarzmeerküste doch skythisches Hoheitsgebiet. An den Getreideexporten aus den Kolonien hing das Wohlergehen der Mutterstädte. Griechisch anmutende Schmuckstücke in Grabhügeln der Reiterfürsten legen die Vermutung nahe, dass zumindest kunstfertige Handwerker in den Siedlungen in der Steppe gern gesehen waren.

Herodot, der „Vater der Geschichtsschreibung“, notierte, was er über die Skythen vernommen hatte. Besonders bemerkenswert erschien ihm offensichtlich ein für die eurasischen Reiternomaden charakteristisches Brauchtum, das er deshalb an den Anfang seiner Beschreibung stellte: das Stutenmelken. Während die Tiere gemolken werden, so der Historiker, blase man ihnen mit einem Rohr in die Scheide, um das Euter zur Milchabgabe zu reizen. Die Milch würde darauf in Holzgefäßen von geblendeten Sklaven so lange gerührt, bis sich eine obere Schicht absetzt. Darüber hinaus berichtet Herodot etwa über den Brauch, Anführer mit all ihrem Reichtum in Grabkammern unter mächtigen Hügeln, den so genannten Kurganen, beizusetzen; ihre Frauen, Diener und Pferde wurden getötet und mitbestattet.

Ihm und anderen antiken Autoren ist es zu verdanken, dass wir Einzelheiten aus dem im Altertum viel gelesenen Epos „Arimaspeia“ des Aristeas von Prokonnesos aus dem späten 7. Jahrhundert v. Chr. kennen. Das verloren gegangene Werk berichtet von einer Reise des Aristeas durch das Land der Skythen nördlich der Schwarzmeerküste zum Volk der Issedonen weiter östlich davon.

An deren Herrschaftsgebiet habe sich das der einäugigen Arimaspen angeschlossen, und dahinter wiederum wohnten die Gold hütenden Greife, die Archäologen und Historiker dann schon tief in Sibirien lokalisierten, obgleich hier die Grenze zum Reich der Mythen und Fabeln wohl überschritten wurde. Kämpfe zwischen beiden Völkern dienten griechischen Künstlern als beliebtes Motiv, wobei sie die Arimaspen oft als Männer in typischer Steppentracht darstellten, mit Kaftan und langer Hose, häufig mit ihren Pferden.

Dass der Mythos einen harten geschichtlichen Kern hatte, wissen wir wieder durch Herodot: Die Arimaspen hatten durch ihre Eroberungszüge in der frühen Eisenzeit eine eurasische Völkerwanderung in Gang gebracht, als deren Ergebnis Völkerschaften wie Skythen und Kimmerier überhaupt erst den Kulturen Alteuropas bekannt wurden. Zunächst sollen sie die Issedonen aus ihren ursprünglichen Wohnsitzen vertrieben und in das heutige Sibirien abgedrängt haben. Dort lebten wiederum die Skythen, die nun in den nördlichen Schwarzmeerraum zogen und die Kimmerier zur Abwanderung über den Kaukasus nach Vorderasien zwangen.

Altorientalische Quellen berichten über das Vordringen nördlicher Reiterkrieger über den Kaukasus nach Vorderasien. So werden in den assyrischen Annalen der Zeit Sargons II. (721-705 v. Chr.) die als Gimirru bezeichneten Kimmerier als Gegner des Reiches von Urartu genannt, dessen König Rusa sich im Angesicht seiner Niederlage den Tod gibt. Im 7. Jahrhundert v. Chr. fielen nach griechischen Schriften dem „Kimmeriersturm“ zahlreiche Städte an der Küste Ioniens, der heutigen Westtürkei, zum Opfer. Dazu passt ein assyrischer Bericht, wonach der Assyrerkönig Asarhaddon (681-669 v. Chr.) 677 v. Chr. den Kimmerierfürsten Teuspa an der Grenze nach Kleinasien besiegte. Doch bis zum Ende des 7. Jahrhunderts stellten die Eindringlinge eine Gefahr dar.

Den Kimmeriern folgten die Skythen laut Herodot über den Kaukasus nach Süden, wo sie dann zunächst den Untergang des Reiches von Urartu bewirkten, ehe sie sich Richtung Südosten in das Gebiet der Meder wagten. Sie hielten sich dort rund ein Jahrhundert auf, stellten ihre Kampfkraft mal Assyrien, mal Medien zur Verfügung, kämpften mitunter auf eigene Faust und errangen zeitweise die Herrschaft über Teilgebiete. Der Aufstieg Mediens zur beherrschenden Macht im heutigen Westiran setzte dem ein gewaltsames Ende: Der medische König Kyaxares lud die skythischen Anführer um 616 v. Chr. zu einem Gelage ein und ließ sie ermorden. Ihrer Führung beraubt, zogen die Nomaden nach Norden, die meisten, wie wieder Herodot berichtet, an die nördliche Schwarzmeerküste, wo sie sich endgültig niederließen.

Von Sibirien über den Kaukasus nach Vorderasien und von dort an das Schwarze Meer, so wanderten die Skythen laut Herodot durch die Welt der frühen Eisenzeit. Sein Bericht bewog russische Forscher des 20. Jahrhunderts, die ältesten skythischen Funde in jenem Raum auf das ausgehende 7. und frühe 6. Jahrhundert v. Chr. zu datieren. Dazu gehören die reichen Goldfunde aus den Kurganen von Kelermes im Nordwestkaukasus und auch die ältesten skythischen Pfeilspitzen, Pferdegeschirrteile und Tierstilzeugnisse des Nordschwarzmeergebietes.

Offensichtlich hatten aber nicht alle Stämme dieses Volkes den geschilderten Weg eingeschlagen. Aus Mittelasien attackierten persischen Texten zufolge im 6. Jahrhundert v. Chr. die dort als Saken bezeichneten Skythen die Nordgrenze des Perserreiches. Dem Begründer dieser Achämeniden-Dynastie, Kyros dem Großen (559-528 v. Chr.), gelang die Sicherung der Grenze, Perserkönig Dareios der Große (522-486 v. Chr.) unterwarf schließlich die Angreifer. Auf den Reliefs der Hauptstadt Persepolis zollen skythische Abgesandte dem persischen Großkönig anlässlich des Neujahrsempfangs Tribut. Doch Dareios wollte mehr: Im Jahre 512 v. Chr. versuchte er vom thrakischen Balkan-Donauraum her auch das Gebiet der Skythen nördlich der Küsten des Schwarzen Meeres zu erobern. Er scheiterte – und inspirierte Herodot zu seiner Schilderung.

Die schriftliche Überlieferung Griechenlands und des Alten Orients bietet also eine Fülle an Informationen über die Kultur der skythischen Reiterkriegernomaden im 1. Jahrtausend v. Chr. Ihre von Herodot vermuteten Ursprünge im Gebiet der „Gold hütenden Greife“ hingegen, also in den Steppenregionen weit östlich des Urals bis tief nach Innerasien hinein, bleiben im Dunkel der Mythologie. Diese Lücke zu schließen ist eine Aufgabe für Archäologen. Allerdings keine einfache, denn auch heute noch stellt die Arbeit in Sibiren hohe Ansprüche. Mitte Mai, wenn oft noch der letzte Schnee fällt, beginnt die Arbeit, denn der Boden ist nun nicht mehr gefroren. Zelte bieten Schutz gegen Nachttemperaturen von minus fünf Grad, tagsüber wird es im Sommer bis dreißig Grad heiß. Die Körperpflege erfolgt im Fluss, die Verpflegung ist ebenso schlicht wie eintönig. Anfang September, in höher gelegenen Regionen wie dem Altaj-Gebirge schon vorher, heißt es schließlich Abschied nehmen von der Forschungsstätte, denn die Tage werden dann recht kurz.

Deutsche Wissenschaftler haben die archäologische Erforschung Sibiriens seit den Anfängen zur Zeit Peters des Großen (1672-1725) begleitet. Anlässlich der Geburt eines Sohnes im Jahre 1715 erhielt der Zar von dem Unternehmer Nikita Demidovals als Geschenk 100000 Rubel sowie mehrere tierförmige Goldscheiben (sie gehören noch heute zum Kern der Schatzkammer der St. Petersburger Ermitage). Russische Siedler betätigten sich als Grabräuber und plünderten die Schätze aus sibirischen Grabhügeln. Das Interesse des Zaren war geweckt, versprachen die Altertümer doch reiche Erzvorkommen im Ural und östlich davon. Sie auszubeuten fehlten Russland die Fachleute; denn die Zaren vor Peter dem Großen hatten es von Europa isoliert. Dieser lud daraufhin ausländische Naturwissenschaftler ein, auf mehrjährigen Expeditionen die Naturschätze Sibiriens zu erforschen, gleichzeitig aber auch Land und Leute zu erkunden.

Und so begaben sich Trupps aus Soldaten, Malern, Jägern, Bergleuten, Forschern und Landvermessern hinaus in die Wildnis. Viele erlagen der Verlockung, einen der großen Grabhügel, Kurgane, der Skythenzeit zu öffnen, dessen Alter sie nicht kennen konnten. Zu ihnen gehörte auch der Deutsche Gerhard Friedrich Müller, ein Universalgelehrter, der im Dienste des Zaren das Gebiet zwischen Enisej und Bajkalsee erkundete. Er machte nicht nur reiche Beute in einigen Grabhügeln, sondern versuchte auch als Erster, sie zu datieren. Das brachte ihm ein Jahrhundert später den Titel „Vater der sibirischen Archäologie“ ein, verliehen von Friedrich Wilhelm Radloff, einem weiteren Deutschen im Dienst der Petersburger Akademie der Wissenschaften. Dieser forschte in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Sibirien.

Radloff begann unter anderem mit ersten Untersuchungen in so genannten Eiskurganen in der Permafrostzone des Altaj-Hochgebirges. Das waren Grabkammern unter Hügeln, in deren Holzsärgen sich schon bald nach der Beisetzung Wasser sammelte, das zu einer Eislinse gefror und so den Verstorbenen samt Bekleidung und Grabbeigaben konservierte. Dass den Toten vor der Bestattung ihre Gedärme entfernt wurden, lässt den Schluss zu, dass die Skythen um die mumifizierende Wirkung in der Dauerfrostzone der Hochgebirge sehr wohl wussten. Radloff begründete damit eine Forschungstradition in dieser wichtigen Fundregion Innerasiens, die berühmte russische Gelehrte wie Sergej Rudenko und Michail Grjaznov sowie neuerdings Vjaèeslav Molodin und Natalija Polos’mak fortsetzten.

Weniger freiwillig als alle zuvor Genannten kam Gero von Merhart in den Osten Eurasiens. Der Erste Weltkrieg führte ihn 1914 in russische Gefangenschaft, die er in verschiedenen sibirischen Lagern verbrachte. Im Jahre 1919 gelangte von Merhart schließlich als Restaurator ins Museum der Geographischen Gesellschaft in Krasnojarsk. Er beaufsichtigte bald die dortige urgeschichtliche Sammlung und unternahm zusammen mit russischen Gelehrten auch kleinere Ausgrabungen am Enisej zwischen Krasnojarsk und Abakan. Als die deutschen Kriegsgefangenen 1920 zurück in die Heimat durften, verlängerte von Merhart trotz der Bürgerkriegszeit seinen Sibirien-Aufenthalt für ein Jahr, um die Arbeit zu Ende zu führen.

Ihm gelang es erstmals, die materielle Kultur der Skythen in Südsibirien umfassend zu beschreiben und gleichzeitig auch die Entstehung dieser Funde aus lokalen bronzezeitlichen Vorläufern zu erklären. Seither gilt als ausgemacht, dass die mit den Skythen verwandte Tagar-Kultur Südsibiriens sich auch dort herausgebildet hatte.

Von Merhart konnte seine erfolgreichen Forschungen in Sibirien jedoch nicht fortsetzen. Stalinistische „Säuberungsaktionen“ ließen wissenschaftliche Kontakte mit dem Ausland zur tödlichen Gefahr werden, mit dem Zweiten Weltkrieg riss die Verbindung endgültig ab. Erst die Auflösung der Sowjetunion und die Entstehung souveräner Staaten im östlichen Europa und in Mittelasien haben den eisernen Vorhang auch für Archäologen wieder gehoben.

Wenn es sich ein Schatzjäger zur Zeit Peters des Großen aussuchen konnte, dann wählte er wohl das im südlichen Sibirien gelegene Minusinsker Becken als Arbeitsgebiet, eine Steppenlandschaft zu beiden Seiten des Enisej zwischen westlichem Sajan-Gebirge im Süden und der heutigen Stadt Krasnojarsk im Norden. Dieses Gebiet war während der russischen Aufsiedlung von dem turksprachigen Volk der Chakassen bevölkert und ist auch heute wieder als autonome Republik Chakassien Teil der Russischen Föderation. Abertausende von Kurganen verschiendener Epochen, von der Jungsteinzeit bis zum Hochmittelalter, zeugen von der starken Anziehungskraft dieser Beckenlandschaft.

Wie eine Laune der Natur oder ein Geschenk ihrer Götter muss es seinen Bewohnern erschienen sein: Von unwirtlicher Taiga und schroffen Bergen umgeben, bietet das Becken fruchtbare Böden und so viele Sonnentage, dass im Sommer sogar Tomaten gedeihen (manche bezeichnen es deshalb als „sibirisches Italien“). Schon vor Jahrtausenden verliefen Fernwege über das Gebirge in die Mongolei und bis nach China.

Als Sibirien auf Geheiß des Zaren nach und nach in Besitz genommen wurde, durchstreiften Beamte, Händler, Offiziere und andere Schatzjäger das Becken, um Bronze- sowie Goldpreziosen aus den Gräbern zu rauben. Ein schwungvoller Antikenhandel entstand, und heute gibt es wohl kein namhaftes archäologisches Museum auf der Welt, das keine „Minusinsker Bronzen“ besitzt. Im Jahre 1877 schließlich gründete Nikolaj Mart’janov, als Apotheker in die kleine Stadt Minusinsk versetzt, dort ein Heimatmuseum, das bis heute eine der reichsten Sammlungen sibirischer Altertümer umfasst, darunter mehr als 9000 Bronzen aus Kurganen der Tagar-Kultur, wie die Skythen hier im Becken genannt werden. Diese wertvollen Funde werden derzeit von Experten des Kreismuseums Minusinsk und der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts gemeinsam bearbeitet und zur Publikation vorbereitet.

Die meisten dieser einmaligen Stücke wurden aus dem Boden gepflügt oder stammen aus beraubten Kurganen, doch Mart’janov befragte die Finder hartnäckig und verzeichnete minutiös alle Angaben zum Fundort. Vielfach gelang es ihm sogar, Grabinventare zu rekonstruieren, für den Archäologen heute ein unschätzbarer Fundus an Informationen. Was von der im Minusinsker Becken entstandenen Kultur tatsächlich weiter nach Westen bis in den Nordschwarzmeerraum gelangte und vieles mehr hoffen wir Archäologen aus der Untersuchung der Bronzen zu lernen.

Ein weiteres Kooperationsprojekt begann 1995: Die systematische Ausgrabung eines Gräberfeldes, auf dem über Jahrtausende hinweg kontinuierlich bestattet wurde, und das damit ideale Vo-raussetzungen bietet, die Kulturentwicklung von der Sesshaftwerdung und ersten Metallnutzung des Menschen bis zur Tagar-Kultur zu erforschen. Dort, wo der Fluss Tuba in den Enisej mündet, boten sich viele Gelegenheiten dafür. Vier Berge umgeben diesen Bereich, in deren Felswände unzählige Darstellungen von Menschen und Tieren, Jagdszenen und andere kultische Bildern eingemeißelt wurden. Auf den Terrassen unterhalb dieser heiligen Berge erstrecken sich ausgedehnte Gräberfelder.

Die Nekropole von Suchanicha liegt dort auf dem linken Hochufer des Enisej, etwa 35 Kilometer nördlich von Minusinsk. Sie umfasst mehr als zwölf Hektar Fläche. Noch heute sichtbare Reste von Grabanlagen ließen uns vermuten, dass die ältesten Turgane im 4. oder 3. Jahrtausend v. Chr. errichtet worden waren, die jüngsten in der Skythenzeit. Probegrabungen bestätigten diese Annahme. Da nicht daran zu denken war, eine solch große Fläche vollständig freizulegen, begannen wir – erstmals in Sibirien – mit geomagnetischen Prospektionsmessungen. Die Geophysiker Helmut Becker und Jörg Faßbinder vom Baye-rischen Landesamt für Denkmalpflege in München gingen mit hochempfindlichen Magnetometern systematisch das Gelände ab. Geringe Abweichungen des Erdmagnetfeldes wurden erfasst und daraus auf nahe der Oberfläche gelegene, doch dem Auge nicht sichtbare Strukturen geschlossen (Spektrum der Wissenschaft, 11/2000, S. 90). Die Kollegen lieferten uns einen nahezu vollständigen Plan des Gräberfeldes, was Grabungen an ausgewählten Flächen ermöglichte. Unser besonderes Interesse galt dabei dem Wandel von der Spätbronzezeit zur Skythen- beziehungsweise Tagar-Kultur.

Eine der Fragen, die wir in Suchanicha klären wollen, lautet: Unter welchen Einflüssen und zu welchem Zeitpunkt hat sich der Tierstil in Südsibirien herausgebildet? Dutzende von spätbronze- und tagarzeitlichen Gräbern mit reichen Beigaben an Bronzewaffen, Bronzeschmuck und Keramikgefäßen weisen diesen Ort als ideal aus, um den Übergang von der Kultur der späten Bronzezeit (Karasuk genannt) zur skythenzeitlichen Tagar-Kultur zu erforschen. Dabei zeigt sich, dass ihre materielle Seite kontinuierlich aus der lokalen Spätbronzezeit heraus entstanden war: Dies wird an den Dolchen und Messern ebenso sichtbar wie bei der Keramik und den Tierstil-objekten.

Bei der Datierung der Entwicklungsschritte hilft eine dichte Serie von Radiokarbondaten sowohl gefundener Knochen Verstorbener als auch von Hölzern der Grabeinbauten. Demnach herrschte die Karasuk-Kultur in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr., doch spätestens im 9./8. vorchristlichen Jahrhundert hat die Tagar-Kultur sie abgelöst. Dieser Befund steht im Gegensatz zur bisherigen sowjetischen beziehungsweise russischen Forschungsmeinung, denn beide Kulturen galten bislang als etwa 200 Jahre jünger. Wir gehen davon aus, dass der erwähnte Bericht vom Gemetzel skythischer Heerführer am Hofe des medischen Königs Kyaxares um 616 v. Chr. und dem darauf folgenden Abzug der skythischen Heerscharen in den Nordschwarzmeerraum das früheste Auf-tauchen reiternomadischer Funde dort korrekt auf die erste Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr. datiert; demnach muss offensichtlich alles, was Herodot und andere Zeitgenossen den Skythen zuschreiben, in Südsibirien schon wesentlich früher entstanden sein.

Die bislang ältesten Funde dieser Kultur stammen aus einer Region, die südlich des Minusinsker Beckens liegt und durch das westliche Sajan-Gebirge von ihm getrennt ist. Tuva (offizielle, nicht-russische Schreibweise: Tyva) ist eine autonome Republik innerhalb der Russischen Föderation; es liegt unmittelbar vor der Nordgrenze der Äußeren Mongolei. Wo die Wege zur Überwindung dieses Gebirgszuges ansetzen, erstreckt sich entlang des Ujuk, einem Nebenfluss des Enisej, eine große Ebene. Dort, in der Umgebung des Ortes Arzan, liegt eine der beeindruckendsten skythischen Grabhügelnekropolen Eurasiens. Nicht umsonst gilt dieser Platz im Volksmund als dolina carej – als „Tal der Könige“. Wohl kaum ein vorgeschichtlicher Friedhof weist derartig viele monumentale Kurgane auf, deren Gesamtzahl – nimmt man die im Gelände nicht mehr ohne weiteres, auf Luftbildern aber deutlich sichtbaren hinzu – mehrere tausend betragen dürfte. Einstmals dürften die Menschen von weither nach Arzan gekommen sein, um ihre Toten zu bestatten und die damit verbundenen Rituale zu vollführen.

Aufsehen erregten Entdeckungen des russischen Archäologen Michail Grjaznov in der Fachwelt schon in den 1970er Jahren, als er einen Kurgan von über hundert Meter Durchmesser und drei bis vier Meter Höhe freilegte (er wird als Kurgan Arzan 1 bezeichnet). Ungewöhnlich an diesem Grabhügel war, dass er nicht – wie von Sibirien bis Osteuropa üblich – aus Erde aufgeschüttet oder aus Rasensoden errichtet worden war; seine Erbauer hatten den Kurgan vielmehr aus Steinplatten aufgeschichtet. Diese Steinplattform bedeckte eine bis heute einzigartige Holzkonstruktion, in der recht-eckige bis trapezförmige Kammern in mehreren Reihen kreisförmig um das Zentrum herum angelegt waren. Dadurch erhielt die ganze Anlage ein radartiges Aussehen. Das Zentralgrab muss einst-mals reich ausgestattet gewesen sein, war allerdings schon ausgeraubt. Grjaznov fand aber Teile einer bronzenen und knöchernen Bewaffnung sowie Pferdeschirrung. Dolche, Pfeilspitzen, Streitpickel, widderbekrönte Knäufe und Schirrungszubehör stammen nach heutigem Verständnis aus den Anfängen der Skythen-Kultur. Bemerkenswert waren bronzene Trensen, die im Nordschwarzmeerraum schon vor den Skythen verbreitet waren. Wie das Gräberfeld Suchanicha dürfte auch dieser Kurgan älter sein als die Herodot bekannte Kultur.

Aus diesem Grund begannen auch wir in Arzan zu graben. Dabei suchten wir insbesondere Steinplattformen – vielleicht waren das typische Denkmäler der frühesten Skythen-Zeit. Doch es gab nur drei weitere solche Kurgane, von denen wiederum zwei durch mehrere große Raubtrichter fast vollständig zerstört waren. Wir entschlossen uns daher, die dritte und ganz im Osten der Ebene gelegene Steinplattform zu erforschen (Arzan 2), obwohl auch sie nicht unversehrt war. Die Grabungen begannen im Jahre 2000 und werden gegenwärtig als Gemeinschaftsprojekt mit der Staatlichen Ermitage in St. Petersburg fortgeführt, das von russischer Seite von unserem Kollegen Konstantin Èugunov geleitet wird.

Kleinere, nur wenige Quadratmeter große Probeschnitte in dem achtzig Meter durchmessenden und zwei bis drei Meter hohen Kurgan bereiteten die Grabung vor. Dabei ergab sich, dass hier Holzeinbauten fehlten, der Hügel war vollständig aus Steinplatten aufgeschichtet worden.

Eine davon trug bemerkenswerte Darstellungen: Tierfiguren von Steinböcken, Panthern, Hirschen und Bären gehörten ebenso wie zwei als Bogenschützen dargestellte männliche Wesen in ihrer stilistischen Ausführung noch zur bronzezeitlichen Felsbildkunst des 2. Jahrtausends v. Chr. Alle diese Figuren überragte ein bärenähnliches Raubtier, das mit seinem aufgerissenen Maul, der spitz nach vorne gestreckten Zunge und den deutlich wiedergegebenen Klauen klare Bezüge zur Kunst der bronzezeitlichen Okunev-Kultur Südsibiriens erkennen lässt.

Überraschend ist nun aber, dass in sein Hinterteil ein schematisches Rolltier eingearbeitet ist, also ein typisches Motiv des skythischen Tierstils. Dargestellt ist auch ein Hirsch im so genannten Stehenspitzengang, der ebenfalls als Merkmal des frühskythischen Tierstils gilt. Auch Funde aus Kurgan Arzan 1 tragen diese Eigentümlichkeit. Diese Steinplatte bildet gewissermaßen ein missing link zwischen bronzezeitlicher Felsbildkunst und beginnendem skythischem Tierstil.

Ob dieser bemerkenswerte Fund allerdings tatsächlich zum ursprünglichen Inventar des Grabhügels gehörte oder erst in späterer Zeit eingebracht wurde, war keineswegs klar. Denn die ursprüngliche Anordnung der Steinplatten war dort offensichtlich nachträglich verändert worden.

Im Jahr darauf brachten Ausgrabungen ein intaktes Fürstengrab der jüngeren Skythenzeit zum Vorschein. In einem mit Erde und Steinen verfüllten Schacht stießen wir in etwa drei Meter Tiefe auf die Balkenabdeckung einer Grabkammer, die sorgfältig aus Steinblöcken errichtet worden war, einen Boden aus Holzbohlen aufwies und ihrerseits in einer größeren, äußeren Kammer stand.

Wir fanden die Überreste eines Mannes und einer Frau, offensichtlich Herrscher ihrer Zeit: Ihr Oberkleid bestand jeweils aus einer Art Kaftan, auf den Tausende von goldenen Panthern aufgenäht waren, die flügelartige Muster bildeten. Auch die Stiefel der Verstorbenen waren mit goldenen Zierbändern verkleidet; auf den Hosen hatte man zudem zahlreiche goldene Miniaturperlen aufgenäht. Jeweils links neben dem Kopf lag ein bronzener Spiegel, einer davon mit vergoldetem Griff, sowie ein haubenartiger Kopfputz, auf dem goldene Tierstilplatten aufgenäht waren. Während die Frau noch zwei goldene und rundherum im Tierstil verzierte Nadeln besaß, die ursprünglich wohl einen perückenartigen Kopfputz befestigt hatten, trug der Mann als Statussymbol einen fast zwei Kilogramm schweren Halsring aus massivem Gold, den umlaufende Tierstilornamente verzierten. Zu seinen Grabbeigaben gehörte ferner ein goldener Köcher mit Gold verziertem Tragegurt; selbst die eisernen Pfeilspitzen zeigten Spuren von Vergoldung. Insgesamt enthielt die Grabkammer mehr als 9300 Goldobjekte – die unzähligen goldenen Miniaturperlen nicht eingerechnet – von großteils einzigartigem künstlerischem Wert. Einen solchen Fund hatte es in Sibirien bislang nicht gegeben.

Dieses skythische Grab stammt vermutlich aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. So reich ausgestattete skythische Fürstengräber kannte man nur aus dem Nordschwarzmeerraum, doch deren Goldarbeiten zeigen deutlich griechische Einflüsse. Hier in Arzan, im Herzen Asiens, wurden den Vornehmen lokale Erzeugnisse mit ins Grab gegeben. Die waren aber in einer technischen und künstlerischen Perfektion gearbeitet, die der griechischer oder vorderasiatischer Handwerker in nichts nachstand. Die Ausgrabungen des Kurgans Arzan 2 werden in diesem Sommer fortgesetzt.

Alles deutet also darauf hin, dass die Reiterkriegernomaden, deren Kultur wir heute als skythisch bezeichnen, in Süd-sibirien ihre Heimat hatten. Von dort aus haben sie sich über die westsibirische Tiefebene in den Raum nördlich des Schwarzen Meeres ausgebreitet, wie Kurgane, Siedlungen und ein Kultplatz in diesem geografischen Bindeglied belegen. Hatte Herodot Recht, und eine eurasische Völkerwanderung vertrieb die Skythen aus ihrer Heimat (allerdings ohne den Umweg über Vorderasien)? Eine in Westsibirien entdeckte Niederlassung von mehr als hundert Häusern, mit einer Zitadelle und klarer Gliederung durch „Straßenzüge“ bei Èièa belegt eine fortgeschrittene Kultur im Übergang von der späten Bronze- zur frühen Eisenzeit (10. bis 8. Jahrhundert v. Chr.), die den vordringenden Nomaden weichen musste. Was mag sich damals abgespielt haben? Das Rätsel um die Skythen steht erst am Anfang seiner Entschlüsselung.

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